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Reisebericht USA | Indian Country 2012

Hier ein überaus spannender Reisebericht von unserem Freund Gunter Lange, dem Leiter des „INDIANER INUIT: Das Nordamerika Filmfestival“.

Ich grüße Euch aus den Southern Mountains und hoffe, es geht Euch allen gut.

Ich habe meine Fahrt auf dem Blue Ridge Parkway gerade unterbrochen, da ein starker Gewittersturm aufgezogen ist. Insofern habe ich mich im kleinen Ort Laurel Springs in einem Motel einquartiert. Da ich ständig unterwegs bin u. nicht weiß, ob ich dazu komme, Postkarten zu schreiben, habe ich mich entschlossen, diese Mail an Euch alle zu senden.

Vielleicht haben die Nachrichten in Deutschland berichtet, dass der Südosten der USA gerade seinen heißesten Sommer in der Geschichte erlebt? Noch vor ein paar Tagen bin ich ganz im Osten Nord-Carolinas gewesen, gar nicht weit von Myrtle Beach. Dort herrschten 42 Grad Celsius. Solche Temperaturen habe ich zuvor nur in Arizona und Mexiko erlebt, jedoch ist das Klima dort ganz trocken, außerdem bläst meistens ein Wind. Hier in North Carolina und Virginia ist es dagegen schwül und man fühlt sich ständig wie in der Sauna. Bewegungen sind nur in Zeitlupe möglich.

Nach ein paar Tagen Aufenthalt im Flachland, habe ich mich nun wieder in die Apalachen zurückgezogen, wo die Temperaturen deutlich angenehmer sind. Auf den Straßen waren kaum Autos unterwegs. Die Einheimischen klagen über die schlechte Ökonomie. Es seien dieses Jahr viel weniger Touristen unterwegs als 2011. Aber, ich bin jedes Mal über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der US-Amerikaner angetan und sicher nicht nur, weil ich „Exot“ aus Old Germany bin. Viele unserer Landsleute in Schwaben und Baden könnten sich eine Scheibe davon abschneiden…

Da so wenig Verkehr auf dem Blue Ridge Parkway war (die Einheimischen fahren lieber auf den Highway, weil es dort nicht das Tempolimit von 45 mph gibt), konnte ich am Straßenrand oft Halt machen und den Duft der vielen Kräuter genießen, die hier wachsen. Außerdem gibt es hier riesige Rhododendron-Wälder. Auf dem Weg habe ich eine Menge alter und verlassene Bauernhäuser und Scheunen entdeckt und fotografiert. Hier ein paar Fotos.

Alte Scheunen, rechts und links des Blue Ridge Parkways

Alte Scheunen, rechts und links des Blue Ridge Parkways

Länger habe ich mich dann in Horne Creek, Virginia, aufgehalten (eine Art Freilichtmuseum wie in Neuhausen ob Eck, bei Tuttlingen, bzw. die Bauernhäuser in der Nähe von Wolfach im Schwarzwald, falls Ihr die kennt). Dort ist die gesamte Geschichte der Familie Hauser aufgelistet, die vor rund 200 Jahren aus Colmar, Elsass, nach North Carolina auswanderte und sich in Horne Creek niederließ.

12 Kinder zogen die Hausers auf dem Hof groß. Die alten Fotos stammen aus dem Museum. Neben Mais und anderen Gemüsesorten, haben sie auch Tabak angebaut. Ich habe gleich einige große Tabakblätter mitgenommen, die ich für meine Workshops mit Kindern gut einsetzen kann.

Charlotte Hauser u. ihr Mann John | Hausers Farm heute, als Museum | Esel „Donkey“ bewacht Haus und Hof

Charlotte Hauser u. ihr Mann John | Hausers Farm heute, als Museum | Esel „Donkey“ bewacht Haus und Hof

Ich weiß nicht, ob es Thema in den Deutschen Nachrichten war, aber Barack Obama hat ja „Health Care“ in den USA nun zum Gesetzt gemacht. Dafür wird er von den Kirchen und den konservativen Parteien mit wahren Hass-Predigten begleitet.

Seit Tagen sind die Zeitungen voll damit und in den Medien wird gestritten. Die konservativen Parteien sind überzeugt davon, dass „God`s Own Country“ nun endgültig seine Unabhängigkeit verlieren wird, wenn der Staat in die Krankenversicherung eingreift und verbreiten nun Weltuntergangsstimmung.

Den Kirchen ist besonders ein Dorn im Auge, dass nun anscheinend jeder US-Bürger im Monat einen Dollar abzwacken muss, damit Frauen, die z.B. durch Missbrauch ungewollt schwanger geworden sind, auf Staatskosten abtreiben können. Insbesondere die vielen erzkonservativen Religionsgemeinschaften, die es hier wie Sand am Meer gibt und natürlich die „Tea Party“ können Obamas Gesetz überhaupt nicht akzeptieren.

Die ersten drei Tage nach meiner Ankunft in Asheville, hat mich Holly O`Brien bei sich und ihren beiden Töchtern aufgenommen. Holly habe ich vor zwei Jahren beim Musikmachen kennen gelernt.

Ich bin dann nach Chapel Hill (nicht weit von Raleigh) aufgebrochen, da ich mir ja unbedingt das Konzert von Pura Fé anhören wollte. Wie bereits erwähnt, es herrschten Temperaturen von über 40 Grad und durch die Schwüle wahre Saunabedingungen, aber das Konzert war wirklich klasse! Pura Fé hatte ihre Band dabei und war nicht der einzige „Act“ an diesem Abend.

Mit der Sängerin Charly Lowry und der Locklear Familie (Musikerfamilie) startete der Abend auf einer Freilichtbühne im Park. Ich war bereits eine Stunde vor Konzertbeginn in Chapel Hill, um mit den Musiker_innen Kontakt aufzunehmen, was von Erfolg gekrönt wurde, da ich von Familie Locklear nach Pembroke ins Reservat der Lumbee eingeladen wurde. So habe ich meine eigentlichen Pläne über den Haufen geworfen und bin tags drauf nach Pembroke gefahren.

Dort hat mich Layla Rose Locklear durchs Education Center (ähnlich wie ein Museums) geführt und mir vieles über die Geschichte der Lumbee erzählt. Ganz nebenbei hatte sie erwähnt, dass sie, ähnlich wie Radmilla Cody bei den Navajos, „Miss Indian Youth North Carolina“ ist. Ihre Amtszeit ist aber abgelaufen u. es ist bereits eine Nachfolgerin gewählt worden. Wir sprachen u.a. über Rassismus, insbesondere in den Südstaaten, der hier an der Tagesordnung ist, der einem als weißer Reisender eigentlich nicht auffällt. Aber Indianer und Afro-Amerikaner sind diesbezüglich sehr sensibilisiert. Mir war aufgefallen, dass fast ausschließlich Afro-Amerikaner in der Gegend um Pembroke wohnen.

Layla Rose bestätigte dies und meinte, es gäbe unter den Indianern viele „Black Indians“. Wir kamen auch auf den Ku-Klux-Klan zu sprechen, der in den 60er und auch noch Anfang der 70er Jahre immer wieder mit seinen Schergen in North- und Süd-Carolina wütete. Der „Clan“ war auch in den Reservaten der Lumbee und Tuscarora in North Carolina aktiv und wollte die Indianer mit Schlagstöcken und Schusswaffen aus ihren Reservaten vertreiben, aber die Indigenen wurden vorgewarnt und vertrieben ihrerseits die Ku-Kux-Klan-Mitglieder zu Hunderten, schon bevor sie in die Reservate eindringen konnten.

Davon zeugen viele Fotos und Zeitungsberichte aus jener Zeit, die mir Layla Rose voller Stolz zeigte. Pura Fé hatte mir schon vor ihrem Konzert erzählt, dass ihre Großmutter von Mitgliedern des „Clans“ ermordet wurde. Sie hat ein Lied darüber geschrieben, dass sie fast bei jedem Konzert singt, um damit ihre Großmutter zu ehren.

Ich sprach auch das Thema „Boarding Schools“ an, aber Layla Rose teilte mir mit, dass die Lumbee und die südl. Tuscarora Nation davon gottlob weitgehends verschont blieb. Insofern habe ich wieder vieles dazugelernt, was mir vorher unbekannt war.

Nach der rund zweieinhalbstündigen Führung trafen wir Laylas Mutter Tonya, die für die indianische Universität Pembroke arbeitet. Sie lud mich zum Mittagessen in ein Restaurant ein, das indianische Spezialitäten anbot, da in der Woche des Unabhängigkeitstages das „Annual Lumbee Homecoming“ begangen wird und außergewöhnliche Veranstaltungen stattfinden. Sowohl Tonya als auch Layla erklärten mir, dass Pembroke in wenigen Tagen aus allen Nähten platzen würde, da viele Familienmitglieder, die es in alle Ecken Nordamerikas verschlagen hat, im Ort eintreffen werden.

Layla Rose Locklear | Pura Fé beim Konzert in Chapel Hill | Pura Fé und ihr Partner Chris Rowland

Layla Rose Locklear | Pura Fé beim Konzert in Chapel Hill | Pura Fé und ihr Partner Chris Rowland

Familie Locklear (ohne Lakota John) | Gitarrist u. Sänger Cary Morin | Sängerin Charly Lowry

Familie Locklear (ohne Lakota John) | Gitarrist u. Sänger Cary Morin | Sängerin Charly Lowry

Nun bin ich auf dem Weg nach Asheville und beschäftige mich fast ausschließlich mit der Musik, da ich ja in der letzten Woche meines Aufenthaltes in den Southern Mountains am Swannanoa Music Gathering teilnehmen und von den momentan „besten“ Musikern aus Irland, Schottland, den USA und aus Kanada unterrichtet werde. Die Apalachen sind für mich so eine Art „Garten Eden“ der Folkmusik.

Denn Gott sei Dank haben die „Immigrants“ aus Irland, Schottland und aus Deutschland nicht nur ihre Bibeln und Rosenkränze, sondern auch ihre Instrumente und ihre Musik mitgebracht. Hier, in den Bergen, trafen sie auf die Indianer und die Sklaven, die geflüchtet waren und sich in den Bergen versteckt hielten. Es entwickelten sich viele Beziehungen untereinander und musikalisch entstand ein Mix aus westeuropäischer Folklore, indianischer und afro-amerikanischer Musik, die in den Bergen von den sogenannten Hillbillies gepflegt wird.

Die „Hillbillies“, werden von den Städtern (z.B. in Asheville) als „totally weird“ bezeichnet und genießen keine große Anerkennung. Sie sind  arm, oft starrköpfig u. haben ihren eigenen Humor, außerdem versteht man sie kaum. Ich muss oft zweimal nachfragen, bevor ich was kapiere. Macht aber nix, ich bin ja hier, um zu lernen. Jedenfalls machen viele von ihnen tolle Musik!

"Woofstock"- Even the dogs are playing "Hillbilly" music.

„Woofstock“- Even the dogs are playing „Hillbilly“ music.

So, nach diesem ausführlichen Bericht knurrt mein Magen und ich werde mich nun ins Restaurant begeben, damit ich noch was zu essen bekomme. Aber vorher noch ein paar Musikbeispiele:

Pura Fé Trio Pura Fé (vocals, slide) Pete Knudson (percussion, vocals) and Cary Morin (guitar, vocals)
http://www.youtube.com/watch?feature=endscreen&NR=1&v=0b5LfECjl1s

Pura Fé, Charly Lowry & Layla Rose Locklear – „My People, My Land“ – 2nd Annual River People Fest
http://www.youtube.com/watch?v=jJ7h5UMUqnI&feature=related

Layla Rose Locklear & Family – 2nd Annual River People Music Festival
http://www.youtube.com/watch?v=Cux4I-8k6yU&feature=relmfu

Lakota John „Charley Stone“ (Laylas erst 14-Jähriger Bruder Lakota John spielt die Slide-Gitarre und ist ein großes Talent)
http://www.youtube.com/watch?v=hrmrx7BGiH0

On The Music Trail in the Southern Mountains: (Matthew Olwell gibt Stepptanz-Unterricht beim Festival)

http://www.youtube.com/watch?v=PXdWjPxz1hM&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=ISU0GRLVwOA

http://www.youtube.com/watch?v=yfBDgmmxXuk
(Alison Krauss, die hier mit Sting ein Lied für den Spielfilm COLD MOUNTAIN eingespielt hat, wird ebenfalls in Swannanoa unterrichten)

Zum Schluss noch ein Lied mit Tim Eriksen and Riley Baugus- I Wish My Baby Was Born, auch aus dem Spielfilm „Cold Mountain“
http://www.youtube.com/watch?v=sFpU3zslpHw&feature=related

Women`s Banjo Club in Virginia, um 1915 | Fiddle Medicine

Women`s Banjo Club in Virginia, um 1915 | Fiddle Medicine

Herzliche Grüße aus Indian Country
Euer Gunter Lange

1 Kommentar

  1. rolf tensfeldt 5. August 2012 um 11:53

    Danke Gunter für deinen Reisebericht und die wunderbare Musik.

    Herzliche Grüsse vom See von

    Rolf